Heute wollte ich eigentlich nur einen Spaziergang über die Kokerei Zollverein machen.
Am Ende stand ich im Atelier des Fotografen Paul Walther im Kammgebäude der ehemaligen Kokerei und hielt plötzlich Bilder in den Händen, die eine ganz eigene Geschichte erzählen.
Zunächst sprachen wir über Fotografie. Über Ambrotypien, diese faszinierenden handgefertigten Bilder auf Glas, die mit einem Verfahren entstehen, das bereits 1851 entwickelt wurde. Dann über historische Rennen in der Normandie, über alte Motorräder, Automobile und die besondere Atmosphäre jener Zeit, als Rennfahrer noch Abenteurer waren.
Irgendwann kamen wir auf Bugatti zu sprechen. Auf Molsheim, das Domaine Saint Jean, die Familie Bugatti und meine Reisen Ende der 1990er Jahre auf deren Spuren durch Frankreich.
Dann blickte Paul auf mein T-Shirt.
Che Guevara.
Er verschwand kurz in seinem Archiv und kam mit einer alten Ilford-Fotopapierbox zurück. Darin lagen Schwarzweißabzüge aus Kuba.
Wenig später hielt ich Fotos in den Händen, die Paul kurz vor dessen Tod von Alberto Korda gemacht hatte – jenem Fotografen, dessen Aufnahme von Che Guevara zu den bekanntesten Bildern des 20. Jahrhunderts gehört.


Zufall?
Vielleicht.
Oder einfach einer dieser Momente, die entstehen, wenn Menschen ihre Geschichten teilen.
Danke für das Gespräch, Paul. ✊
Nachtrag: Hasta la victoria siempre
Fast hätte ich die letzte Begegnung dieses Tages vergessen.
Auf dem Weg von der Straßenbahnhaltestelle zurück zum Heimathafen im Hexbachtal kam mir ein Rot-Weiss-Essen-Fan entgegen. Schwarzes T-Shirt mit einem schwarz-weißen RWE-Emblem, schwarze Sonnenbrille, Bierflasche in der Hand.
Er sah mein Che-Guevara-T-Shirt, blieb kurz stehen und grinste.
„Ey, schönes Che-Guevara-Shirt. So eins hatte ich auch mal.“

Dann deutete er auf das Motiv und überlegte einen Moment.
„Wie war nochmal der Spruch dazu …?“
Ich half ihm auf die Sprünge:
„Hasta la victoria siempre.“
„Genau!“, sagte er sofort und musste lachen.
„Den meinte ich.“
Er freute sich sichtbar, dass wir den Satz wieder zusammengefunden hatten.
„Cooles T-Shirt. Bleib sauber, Alter.“
Dann ging er weiter.
Manchmal sind es genau diese kleinen Begegnungen, die einen Tag abrunden.
Erst ein Fotograf auf Zollverein, der mir von seiner persönlichen Begegnung mit Alberto Korda erzählt und Fotos zeigt, die kurz vor dessen Tod entstanden sind.
Und wenig später ein zufälliger Passant auf dem Heimweg, der sich an Che Guevara erinnert. Nicht an politische Debatten oder historische Bücher, sondern an ein Bild, das seit Jahrzehnten um die Welt reist und auf unzähligen T-Shirts weiterlebt.
Ein Bild, das so bekannt geworden ist, dass selbst der kleine Satz darunter noch irgendwo in den Erinnerungen vieler Menschen verborgen liegt:
„Hasta la victoria siempre.“
Zwei völlig unterschiedliche Menschen. Zwei völlig unterschiedliche Begegnungen.
Und doch drehte sich an diesem Tag alles um dieselbe Geschichte.
Die eine führte über Kuba, Fotografie und Alberto Korda.
Die andere über einen Bürgersteig irgendwo zwischen Straßenbahnhaltestelle und Hexbachtal.
Hasta la victoria siempre. ✊😉
(sy)



