Als die Auslosung der ersten Runde des DFB-Pokals Rot-Weiss Essen und den FC St. Pauli zusammenführte, dachten viele sofort an Fußball.
An Traditionsvereine.
An volle Stadien.
An die Frage, wer weiterkommt.
Mir fiel etwas anderes auf.
Beide Vereine haben eine Hafenstraße.
Natürlich nicht dieselbe. Und doch irgendwie schon.
Die eine liegt in Hamburg-St. Pauli, direkt an der Elbe. Die andere im Essener Norden, unweit des Rhein-Herne-Kanals. Zwei Straßen in zwei Städten, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Und die doch von Menschen erzählen, die ihre Heimat geprägt haben.
Die Hamburger Hafenstraße wurde in den 1980er Jahren bundesweit bekannt. Nicht durch Fußball, sondern durch Menschen, die sich gegen Verdrängung und Spekulation stellten. Die Häuser am Elbufer wurden zum Symbol für Widerstand, für Selbstbestimmung und für die Frage, wem eine Stadt eigentlich gehört. Bis heute steht die Hafenstraße für ein buntes, alternatives und vielfältiges St. Pauli.
Die Essener Hafenstraße erzählt eine andere Geschichte. Hier geht es um Fußball. Um Rot-Weiss Essen. Um Helmut Rahn, Horst Hrubesch und Willi Lippens. Um Flutlichtabende, Aufstiege, Abstiege und Generationen von Menschen, die ihrem Verein die Treue gehalten haben. Für viele im Ruhrgebiet ist die Hafenstraße weit mehr als eine Adresse. Sie ist ein Stück Heimat.
Zwei Hafenstraßen.
Zwei Geschichten.
Und doch gibt es etwas, das beide miteinander verbindet.
Beide sind aus einer Welt entstanden, die von Arbeit geprägt war.
Hamburg war Hafenstadt. Essen war Zechenstadt.
Am Hafen wurden Schiffe beladen. Auf Zollverein und den anderen Zechen wurde Kohle gefördert.
Beides waren Orte, an denen Menschen aus unterschiedlichen Regionen und Ländern zusammenkamen. Menschen, die arbeiteten, anpackten und sich ein Leben aufbauten. Menschen, die oft nicht viel besaßen außer dem Gefühl, zusammenzugehören.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich dieses Pokalspiel so beschäftigt.
Denn es ist eben nicht nur ein Spiel zwischen Rot-Weiss Essen und dem FC St. Pauli.
Es ist auch eine Begegnung zweier Städte, die den Wandel kennen.
Hamburg hat sich verändert.
Das Ruhrgebiet hat sich verändert.
Die Schiffe sind andere geworden. Die Zechen sind verschwunden. Die Arbeitswelten von damals existieren vielerorts nur noch in Erinnerungen.
Und trotzdem sind die Menschen geblieben.
Mit ihren Geschichten.
Mit ihrer Haltung.
Mit ihrer Sehnsucht nach Zugehörigkeit.
Als Kind stand ich auf der Hafenstraße in Essen. Mein Vater hatte auf Zollverein gearbeitet. Der Essener Norden war meine Welt. Die Kurve, die Menschen, die Atmosphäre gehörten dazu.
Viele Jahre später fand ich beim FC St. Pauli etwas wieder, das mich berührte. Die Idee, dass Fußball mehr sein kann als neunzig Minuten. Dass ein Verein auch für Offenheit, Vielfalt und Zusammenhalt stehen kann.
Lange habe ich diese beiden Welten getrennt betrachtet.
Heute sehe ich mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.
Beide Vereine leben von Menschen, die ihrem Club treu bleiben, auch wenn es unbequem wird.
Beide Vereine haben Anhänger, die mehr suchen als bloße Unterhaltung.
Beide Vereine sind tief in ihren Stadtteilen verwurzelt.
Und beide erzählen Geschichten über Wandel, Heimat und Zusammenhalt.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Schönheit dieses Pokalspiels.
Nicht in der Frage, wer gewinnt.
Nicht in der Frage, wer die zweite Runde erreicht.
Sondern in der Erkenntnis, dass zwei Vereine mit unterschiedlicher Kultur und unterschiedlichem Auftreten oft mehr miteinander gemeinsam haben, als man auf den ersten Blick vermutet.
Wenn im August an der Hafenstraße in Essen der Ball rollt, treffen nicht nur Rot-Weiss Essen und der FC St. Pauli aufeinander.
Dann begegnen sich auch zwei Hafenstraßen.
Zwei Geschichten.
Zwei Formen von Heimat.
Und vielleicht erinnert uns dieser Abend daran, dass Fußball nicht nur von Rivalität lebt.
Sondern manchmal auch von der seltenen Fähigkeit, Menschen miteinander zu verbinden.
Über Städte hinweg.
Über Unterschiede hinweg.
Von Hafenstraße zu Hafenstraße.
(sy)



