Wo der Wald noch eine Runde dreht

Unterwegs auf dem ehemaligen Almaring in Gelsenkirchen

Manchmal läuft man im Ruhrgebiet durch einen Wald und merkt erst auf den zweiten Blick, dass der Wald eigentlich gar kein Wald ist.

Zumindest nicht nur.

Der Weg unter meinen Füßen ist auffällig breit. Zu eben. Zu sauber geschwungen. Er macht keine jener vernünftigen Kurven, mit denen ein Waldweg normalerweise versucht, möglichst bequem zwischen Bäumen, Brombeeren und feuchten Senken hindurchzukommen.

Dieser Weg will nicht irgendwohin.

Er will im Kreis.

Am Rand tauchen alte Leitplanken auf. Rostig, verbogen, teilweise von Ästen umklammert. Der Asphalt ist aufgebrochen, Moos wächst in den Rissen, Birken stehen dort, wo früher freie Sicht auf die nächste Kurve nötig gewesen sein dürfte.

Ich bleibe stehen.

Das hier war einmal eine Rennstrecke.

Mitten in Gelsenkirchen.

Alma gibt noch einmal Gas

Der Ort liegt in Ückendorf, eingeklemmt zwischen Bahntrassen, Gewerbe, Autobahn und der Geschichte der ehemaligen Zeche und Kokerei Alma.

Nachdem die Kokerei 1963 stillgelegt und bis auf ihr Verwaltungsgebäude weitgehend abgerissen worden war, blieb am Rande der Gelsenkirchener Innenstadt eine große Industriebrache zurück. Auf diesem Gelände entstand 1968 und 1969 das Motodrom Gelsenkirchen. Weil es auf dem ehemaligen Alma-Gelände lag, wurde daraus im Sprachgebrauch schnell der Almaring.

Das ist Ruhrgebiet in konzentrierter Form.

Erst Kohle. Dann Koks. Dann Autos.

Und heute Wald.

Man könnte darin fast einen besonders ruppigen Strukturwandel im Zeitraffer erkennen.

Die andere RAG

Verantwortlich für die Rennstrecke war die RAG.

Allerdings nicht jene RAG, an die man im Ruhrgebiet automatisch denkt. Hier stand die Abkürzung zunächst für die Rheinländische Altwagen-Gemeinschaft, später für die Rheinländische Autorenn-Gemeinschaft.

Angeführt wurde sie von dem Essener Autohändler Anton „Tony“ Brenner. Ein Mann mit Cowboyhut, der später auch als eine Art „Ecclestone des Reviers“ beschrieben wurde.

Das klingt schon so, als hätte jemand die Formel 1 genommen, ihr den Champagner weggenommen und stattdessen eine Flasche Stauder in die Hand gedrückt.

Auf dem brachliegenden Kokereigelände organisierte Brenner Rennen für Privatfahrer. Zehn Mark kostete zeitweise der Eintritt, für Kinder die Hälfte. Die Altwagenrennen entwickelten sich zu einem Publikumsmagneten.

Keine millionenschweren Rennställe.

Keine Hospitality-Zelte.

Keine Fahrer, die nach dem Rennen erklären mussten, das Auto habe heute leider nicht die gewünschte Pace gehabt.

Hier wurde gefahren mit dem, was vorhanden war. Oder mit dem, was sich aus dem Vorhandenen irgendwie zusammenschrauben ließ.

750 Meter Ruhrpott-Motorsport

Der Kurs war gerade einmal rund 750 Meter lang und etwa siebeneinhalb Meter breit. Ein klassisches Speedway-Oval war er trotzdem nicht. Die Strecke besaß langgezogene Kurven, eine enge Spitzkehre und Geraden, die streng genommen ebenfalls nicht ganz gerade waren.

Anfangs bestand die Bahn aus Schotter. Es fuhren Autos und Motorräder. 1977 wurde der Almaring asphaltiert, danach fanden dort nur noch Autorennen statt. Minirods, Hotrods, Serienfahrzeuge und verschiedene Hubraumklassen gingen an den Start. Bei einzelnen Veranstaltungen sollen bis zu 200 Fahrzeuge teilgenommen haben.

Die Sicherheitsvorkehrungen würden einem heutigen Rennleiter vermutlich augenblicklich die Gesichtszüge entgleisen lassen.

Die Zuschauer standen teilweise nur wenige Meter von der Fahrbahn entfernt. Ein paar Leitplanken trennten Menschen und Autos. In der Mitte warteten Krankenwagen und Feuerwehr. Der Streckensprecher saß in einem eher improvisierten Turm und kommentierte das Geschehen über eine Lautsprecheranlage, die offenbar ebenso sehr kämpfen musste wie die Fahrzeuge auf der Strecke.

Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – gehörten die Renntage für viele Menschen zur Freizeitkultur des Ruhrgebiets.

Campingstuhl.

Butterstulle.

Pilsken aus der Flasche.

Und vorne versucht einer, einen VW Käfer irgendwie mit einem BMW-Motor und deutlich zu viel Leistung durch die Kurve zu bekommen.

Rennsport ohne Hochglanz

Mich fasziniert an dieser Geschichte weniger das schnelle Auto an sich.

Es ist diese besondere Form des Selbermachens.

Der Almaring war kein Ort der Perfektion. Er war ein Ort der Möglichkeiten. Menschen kamen nicht, weil alles professionell organisiert, abgesichert und vermarktet war. Sie kamen, weil dort etwas passierte.

Weil jemand eine Industriebrache sah und nicht nur eine Industriebrache.

Sondern eine Rennstrecke.

Weil andere ein altes Auto sahen und darin nicht nur ein altes Auto erkannten.

Sondern ein Rennauto.

Das ist vielleicht eine der ruhrgebietstypischsten Fähigkeiten überhaupt: Aus dem, was übrig geblieben ist, etwas Neues zu bauen. Nicht immer elegant. Nicht immer dauerhaft. Und gelegentlich mit einem Geräuschpegel, über den die Nachbarschaft eine vollkommen andere Meinung hat.

Dann wurde es still

Zu Beginn der 1980er-Jahre nahmen die Beschwerden über den Lärm zu. Auch die Sicherheit und die Belastung des Bodens durch die frühere Kokerei spielten offenbar eine Rolle. 1984 wurde der Rennbetrieb eingestellt.

Danach geschah lange Zeit fast nichts.

Und genau deshalb geschah sehr viel.

Die Natur übernahm.

Büsche wuchsen an den Streckenrand. Bäume brachen durch die frühere Sichtachse. Moos legte sich über Asphalt und Beton. Die Leitplanken blieben stehen und verloren langsam ihre Funktion.

Was früher Menschen davon abhalten sollte, auf die Strecke zu geraten, hält heute höchstens noch eine besonders entschlossene Brombeerranke auf.

Die Ziellinie führt nirgendwohin

Während meines Spaziergangs entdecke ich noch Teile der alten Fahrbahn. Manche Abschnitte sind erstaunlich gut erhalten. An anderen Stellen muss man schon genauer hinsehen, um zu begreifen, dass die merkwürdige Schneise zwischen den Bäumen keine gewöhnliche Forststraße ist.

Hier und da stehen noch Leitplanken. Es gibt Betonreste. Verwitterte Markierungen. Spuren einer Ordnung, die längst nicht mehr gilt.

Der frühere Asphaltkurs soll bis heute weitgehend vorhanden sein. Das Gelände ist inzwischen bewaldet und über die benachbarten Radwege Almabahn und Kray-Wanner-Bahn erreichbar.

Ich gehe weiter über die alte Strecke.

Keine Motoren.

Keine Lautsprecherdurchsage.

Kein Geruch nach Benzin, heißem Öl und Bratwurst.

Nur Vogelstimmen, Wind in den Blättern und gelegentlich das gleichmäßige Rauschen der nahen Autobahn.

Vielleicht ist das die heutige Soundkulisse des Almaringes.

Die Autos fahren immer noch.

Nur nicht mehr hier.

Ein Lost Place, der gar nicht verloren ist

Der Begriff „Lost Place“ passt natürlich. Verlassene Rennstrecke, überwucherte Leitplanken, Asphalt im Wald – das bringt in sozialen Netzwerken vermutlich zuverlässig Reichweite.

Aber wirklich verloren ist der Almaring nicht.

Er ist noch da.

Nur seine Bedeutung hat sich verändert.

Aus der Kokerei wurde eine Brache. Aus der Brache wurde eine Rennstrecke. Aus der Rennstrecke wurde ein Wald. Und aus dem Wald wird beim genaueren Hinsehen wieder Geschichte.

Vielleicht sollten wir solche Orte deshalb nicht nur als Ruinen betrachten.

Sie sind Lesespuren des Ruhrgebiets.

Man muss lediglich lernen, den Boden zu lesen.

Manchmal erzählen Schienen von einer Zeche.

Manchmal erzählt ein Hügel von einer Halde.

Und manchmal erzählt ein viel zu breiter Waldweg davon, dass hier einmal 200 Autos im Kreis gefahren sind.

Noch eine letzte Runde

Ich verlasse den Almaring schließlich dort, wo ich vermutlich zuvor unbemerkt auf ihn geraten bin.

Eine Schranke gibt es nicht mehr. Auch kein Kassenhäuschen. Niemand verlangt zehn Mark Eintritt.

Der Wald bleibt einfach hinter mir zurück.

Nur das Rauschen der Autobahn ist noch zu hören.

Und für einen kurzen Moment klingt es beinahe so, als würde irgendwo zwischen den Birken noch einmal einer den Motor hochdrehen.

Alma fährt nicht mehr.

Aber die Strecke dreht weiter ihre Runden.

Weiterführende Links:

(sy)

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