Es gibt Erinnerungen, die kommen nicht auf Bestellung.
Sie liegen jahrzehntelang irgendwo im Hinterkopf herum, gut verstaut zwischen alten Schallplatten, vergilbten Fotos und Geschichten, die man längst vergessen glaubte. Und plötzlich sind sie wieder da.
Bei mir war es diese Woche so.
Am Dienstag spielt Rot-Weiss Essen das Rückspiel der Relegation in Fürth. Nach dem 1:0 im Hinspiel an der Hafenstraße lebt der Traum von der 2. Bundesliga. Und während heute über Taktik, Aufstellung und Restkarten diskutiert wird, musste ich plötzlich an einen anderen Freitagabend denken.
Freitag, den 13. Juni 1980.
Damals ging es nicht um die 2. Bundesliga. Damals ging es um die Bundesliga. Und ich stand in der Westkurve. Unten am Zaun. Leicht rechts von der Mitte. Direkt neben dem Tor.

Ich war vierzehn Jahre alt und hielt mich vermutlich genauso am Zaun fest wie an der Hoffnung, dass Rot-Weiss Essen nach dem 1:5 im Hinspiel gegen Karlsruhe doch noch das Unmögliche schaffen könnte.
Ob ich von dem Spiel selbst noch alles weiß? Nicht wirklich. Ich weiß noch, dass es hell war. Kein Flutlichtspiel. Frühsommer. Freitagabend. Ich weiß noch, dass die Westkurve voll war. Und ich weiß noch, dass ich einen Schal trug, den ich selbst gestrickt hatte.
Heute klingt das vielleicht nach einem netten Bastelprojekt. Damals bedeutete das Wochen konzentrierter Handarbeit. Wer jemals versucht hat, als pubertierender Junge einen rot-weißen Schal zu stricken, weiß: Das ist ungefähr so cool wie freiwilliger Blockflötenunterricht. Aber das Ergebnis war großartig. Zumindest fand ich das.
Und deshalb war mir nach dem Spiel vor allem eines wichtig:
Der Schal musste heil bleiben. Der Aufstieg wäre natürlich auch schön gewesen. Aber der Schal hatte Priorität.

Überhaupt war ich vermutlich kein besonders typischer Fußballfan.
Ich trug Wrangler-Jeans. Nicht Levi’s. Wrangler. Wer damals jung war, weiß, dass das ein wichtiger Unterschied war. Mindestens so wichtig wie die Frage, ob man RWE oder den MSV unterstützte. Dazu eine Jeansjacke mit einem kleinen Rot-Weiss-Essen-Aufnäher. Keine Kutte.
Kutten fand ich damals schon merkwürdig. Stattdessen hatte ich die Jacke mit Kugelschreiber beschriftet. Supertramp. Dire Straits.
Vor allem aber: The Police.

Heute würde man vermutlich von einer „individuellen textilen Gestaltung“ sprechen. Damals war das einfach eine Jeansjacke.
Während andere in der Kurve ihre Helden auf dem Rasen hatten, saß mein größter Held irgendwo in England und hieß Sting. Wenige Monate später spielte The Police bei der legendären 7. Rockpalast-Nacht in der Essener Grugahalle. Mein Bruder besaß bereits einen VHS-Rekorder. Das war damals ungefähr so futuristisch wie heute ein Flug zum Mars. Wir zeichneten das Konzert auf.
Diese Kassette wurde anschließend behandelt wie eine religiöse Reliquie. Ich glaube, sie lief häufiger als manche Fernsehsendung des WDR.
Und dann war da noch die Politik. … Während manche Stadionbesucher sich für Fahnen und Tabellenstände interessierten, lief ich gegen Atomkraftwerke, sympathisierte mit Falken und Jusos, marschierte für Frieden und demonstrierte gegen Franz Josef Strauß. Rückblickend betrachtet war das vermutlich eine ungewöhnliche Mischung. Links orientierter Jugendlicher. Rockmusikfan. RWE-Anhänger. Alles gleichzeitig.
Heute würde irgendein Marketingmensch daraus eine Zielgruppenanalyse erstellen. Damals war das einfach mein Leben.
Vom Spiel gegen Karlsruhe ist mir vor allem das Ende geblieben. Nicht wegen des Ergebnisses. Sondern wegen des Heimwegs. Nach dem Schlusspfiff wurde die Westkurve von berittener Polizei begleitet. Die Beamten saßen hoch zu Ross. Die langen Einsatzstöcke wirkten auf einen Vierzehnjährigen ungefähr so vertrauenerweckend wie ein Zahnarztbohrer. Die Menge wurde in einem Korridor Richtung Bahnhof Bergeborbeck geführt.
Und genau dort lag mein Problem. Ich wollte gar nicht zum Bahnhof Bergeborbeck. Ich wollte nach Altenessen. Normalerweise ging ich einfach über die Vogelheimer Straße nach Hause. Kurz. Direkt. Übersichtlich. An diesem Abend nicht.
Wer einmal in diesem Menschenstrom war, kam nicht mehr heraus. Also marschierte ich mit. Zusammen mit Tausenden anderen. Weg von meinem eigentlichen Heimweg. Weg von meinem Plan. Und damals gab es keine Handys. Keine WhatsApp. Keine kurze Nachricht an die Mutter. „Bin später. Polizei hat uns eingesammelt.“ Das war technisch nicht vorgesehen.
Als ich Stunden später endlich zu Hause ankam, war die Lage erwartbar angespannt. Meine Mutter hatte bereits sämtliche denkbaren Katastrophenszenarien durchgespielt. Der Ärger war groß. Die Erleichterung vermutlich größer.
Und ich? Ich war vor allem froh, heil angekommen zu sein. Und dass mein Schal die Sache überlebt hatte.
Vielleicht denke ich deshalb gerade jetzt wieder daran. Nicht wegen der Tabelle. Nicht wegen der Relegation. Nicht einmal wegen Rot-Weiss Essen. Sondern weil Fußball manchmal wie ein Türöffner funktioniert.
Ein aktuelles Spiel genügt und plötzlich steht man wieder dort:
Vierzehn Jahre alt. Wrangler-Jeans. Jeansjacke mit „The Police“ auf dem Rücken. Selbstgestrickter Schal um den Hals. Unten am Zaun der Westkurve.
Und irgendwo zwischen Fußball, Rockmusik, Friedensbewegung und Essener Norden ahnt man noch nicht, dass diese Erinnerungen mehr als vierzig Jahre später plötzlich wieder auftauchen würden.
Am Dienstagabend spielt Rot-Weiss Essen in Fürth um den Aufstieg. Ich wünsche dem Verein Erfolg. Natürlich.
Aber eines habe ich in den vergangenen Tagen gelernt:
Manchmal sind die Geschichten rund um den Fußball interessanter als das Spiel selbst.
Und manchmal beginnt eine davon mit einem selbstgestrickten Schal, einer berittenen Polizeistaffel und einem Jungen aus Altenessen, der eigentlich nur nach Hause wollte.
(sy)



