Wie ich einen Regenmantel quer durchs Ruhrgebiet verfolgte.
Eigentlich wollte ich an diesem Nachmittag nur zum Landschaftspark Duisburg-Nord fahren.
Mehr nicht.
Ein paar Fotos machen. Menschen beobachten. Vielleicht eine Geschichte finden.
Stattdessen verbrachte ich mehrere Stunden damit, einem gelben Friesennerz quer durch das Ruhrgebiet hinterherzufahren.
Und wie so oft sind die besten Geschichten diejenigen, die man niemals geplant hat.
Los ging es in Dortmund.
Um 13.49 Uhr erreichte der RE3 Duisburg Hauptbahnhof. Von dort stieg ich in die 903 Richtung Landschaftspark um. Alles wie geplant.
Bis mir kurz vor der Ankunft auffiel, dass etwas fehlte.
Mein gelber Friesennerz.
Der Friesennerz, der mich inzwischen auf vielen Wegen begleitet hat.
Er lag nicht neben mir.
Nicht unter dem Sitz.
Nicht im Rucksack.
Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen:
Der Friesennerz musste noch im RE3 liegen.
Der Zug war längst weitergefahren. Über Duisburg hinaus. Richtung Düsseldorf.
Also machte ich das, was vermutlich nicht jeder getan hätte.
Ich stieg sofort wieder in die Straßenbahn, fuhr zurück zum Hauptbahnhof und nahm den nächsten RE3 Richtung Düsseldorf.
Mission Friesennerz.
Die Hoffnung: Vielleicht war es derselbe Zug. Vielleicht lag die Jacke noch dort.
Vielleicht.
Im Zug begann die Suche.
Sitzplätze.
Gepäckablagen.
Fensterplätze.
Nichts.
Dafür fand ich ein Paar liegengebliebene Handschuhe.
Offenbar war ich an diesem Tag nicht der einzige Mensch, der Dinge in Regionalzügen vergaß.
In Düsseldorf angekommen, stieg ich wieder aus.
Kein Friesennerz.
Also zurück nach Duisburg.
Mit dem RE5.
Zwischendurch kaufte ich mir am Hauptbahnhof eine Laugenbrezel bei Ditsch. Die erste Mahlzeit des Tages. Viel Zeit zum Essen hatte ich bisher nicht gehabt. Schließlich befand ich mich auf einer Verfolgungsjagd.
Am Gleis 1 wartete ich erneut auf den RE3.
Es fühlte sich inzwischen ein wenig an wie „Und täglich grüßt das Murmeltier“.
Immer wieder derselbe Bahnsteig.
Immer wieder dieselbe Anzeige.
Immer wieder derselbe Zug.
Nur der Friesennerz blieb verschwunden.
Im nächsten RE3 sprach ich schließlich die beiden Zugbegleiter an.
Sabrina und Norman.
Was danach passierte, hätte ich so nicht erwartet.
Während Sabrina begann, Kollegen in anderen RE3-Zügen anzurufen, analysierte Norman Fahrpläne, Umläufe und Zugbewegungen.
Plötzlich wurde aus einem verlorenen Kleidungsstück ein logistisches Rätsel.
Welcher Zug war welcher?
Welcher Umlauf könnte meiner gewesen sein?
Wo könnte der Friesennerz inzwischen sein?
Eine Mammutaufgabe.
Und beide nahmen sie an.
Mit einer Selbstverständlichkeit, die mich beeindruckte.
Sabrina empfahl mir schließlich, die Fundstelle der Deutschen Bahn im Düsseldorfer Hauptbahnhof aufzusuchen.
Vielleicht sei die Jacke dort bereits abgegeben worden.
Ich machte mich auf den Weg.
Müde.
Etwas frustriert.
Und eigentlich bereit, die Suche für diesen Tag zu beenden.
Ich hatte bereits den Fuß auf die Treppe gesetzt, die hinunter in die Bahnhofshalle führt.
Da hörte ich hinter mir jemanden rufen.
„Wir haben ihn gefunden!“
Sabrina kam über den Bahnsteig auf mich zugelaufen.
Der Friesennerz war aufgetaucht.
Ein Zugbegleiter eines anderen RE3 hatte ihn gefunden.
Die gute Nachricht:
Er existierte noch.
Die schlechte Nachricht:
Er befand sich weiterhin irgendwo auf der Strecke.
Sabrina entwickelte sofort einen Übergabeplan.
Eigentlich sollte ich dem Friesennerz in Essen-Altenessen begegnen.
Ausgerechnet dort.
Dem Stadtteil, in dem ich 1966 geboren wurde und aufgewachsen bin.
Allein dieser Gedanke fühlte sich schon fast poetisch an.
Nach einer stundenlangen Verfolgungsjagd quer durchs Ruhrgebiet hätte ich meinen verlorenen Friesennerz ausgerechnet dort wieder in Empfang genommen, wo mein eigenes Leben begonnen hatte.
Doch die Verspätungen machten diesen Plan zunichte.
Also wurde Oberhausen Hauptbahnhof zum Treffpunkt bestimmt.
Als der Zug dort einfuhr, suchte ich den Zugbegleiter.
Er wartete bereits auf mich.
Wir gingen ein paar Schritte durch den Wagen.
„Vorne in der ersten Klasse“, sagte er.
Dort lag er.
Mein Friesennerz.
Sorgfältig zusammengelegt auf einem kleinen Tisch am Fensterplatz.
Als würde er auf mich warten.

Ich muss gestehen:
In diesem Moment wurde ich sentimental.
Vielleicht mehr, als man es wegen eines Regenmantels eigentlich werden sollte.
Aber nach Stunden zwischen Dortmund, Duisburg, Düsseldorf und Oberhausen war der Friesennerz längst mehr als nur ein Kleidungsstück geworden.
Er war Teil einer Geschichte.
Und Teil einer Begegnung mit Menschen, die sich einfach gekümmert hatten.
Sabrina.
Norman.
Der Zugbegleiter, der den Mantel gefunden und bewahrt hatte.
Wir gaben uns in Duisburg die Hand.
Ich bedankte mich.
Und vergaß in meinem Wohlbefinden sogar, nach seinem Namen zu fragen.
Jetzt stehe ich auf Gleis 12.
Der Friesennerz liegt in meinem Arm.
Ich warte auf den Zug nach Essen.
Und das Verrückteste an diesem Tag?
Es regnet noch nicht einmal.
Nachtrag
Manchmal verliert man einen Friesennerz.
Manchmal findet man ihn wieder.
Und manchmal findet man auf der Suche danach etwas ganz anderes:
Den Beweis, dass Hilfsbereitschaft keine App braucht.
Nur Menschen.
Zwischen Dortmund, Duisburg, Düsseldorf, Oberhausen – und dem Ruhrgebiet dazwischen. ❤️🟡🚆
Als ich wenig später aus der Straßenbahn stieg und die letzten Meter nach Hause ging, begann es zu regnen. Nach einer Verfolgungsjagd quer durchs Ruhrgebiet hielt ich meinen gelben Friesennerz endlich wieder in den Armen. Zum ersten Mal an diesem Tag wurde er tatsächlich gebraucht.
(sy)



